Die Wand, an der wir sitzen
I. Was hinter Ihnen liegt
Drehen Sie sich kurz um. Schauen Sie die nächstgelegene Wand an. Sie wissen wahrscheinlich nicht genau, was in ihr steckt, aber Sie haben eine grobe Idee: außen vielleicht Putz oder eine Klinkerschicht, darunter Mauersteine oder ein Betonkern, dahinter eine Dämmung — wenn das Haus halbwegs neu ist, eine Schicht aus Styropor oder Mineralwolle. Auf der Innenseite Gipsplatten, Tapete, Farbe.
Diese Wand hält Sie warm im Winter und kühl im Sommer. Sie schirmt Lärm ab, hält Regen draußen, trägt das Dach. Ein gutes Stück Ingenieurskunst.
Sie hat allerdings einen Schatten, der gewöhnlich nicht mit hochgerechnet wird. In einem typischen mehrstöckigen Wohnbau aus Beton und Stahl steckt, allein für die Herstellung der Baumaterialien, eine CO₂-Emission, die ungefähr einer Strecke von 100.000 bis 200.000 Autokilometern entspricht — und zwar pro Wohnung, nicht pro Haus. Bevor jemand eingezogen ist. Bevor die erste Heizung läuft. Bevor das erste Licht angeht.
Das ist die Wand, an der wir sitzen. Wir drehen sie in diesem Kapitel sechsmal um, fragen, was sie ist, was sie sein könnte, wie sie schneller, billiger und besser werden könnte — und warum diese Fragen heute, gerade jetzt, in fast jeder Zeitung stehen.
II. Zwei Krisen, eine Industrie
In Nachrichten und politischen Debatten tauchen seit einigen Jahren zwei Themen auf, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.
Das erste ist die Klimakrise und der Beitrag des Bausektors zu ihr. Der Sektor — Herstellung von Baumaterialien plus Betrieb von Gebäuden — verursacht weltweit rund 37 bis 40 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen. Es ist der größte Einzelblock im Kuchendiagramm, größer als der Verkehr, größer als die Industrie im engeren Sinne, größer als die Landwirtschaft. Wer auf einen einzigen Sektor zeigen möchte, der das Klima entscheidet, zeigt auf den Bau.
Das zweite ist die Wohnungskrise. In vielen Ländern, in Deutschland besonders, fehlen Wohnungen. Neubauten kosten zu viel, dauern zu lange, scheitern an Fachkräftemangel, Lieferengpässen, Bürokratie. Die Bauzeit eines durchschnittlichen Wohnhauses liegt heute bei 18 Monaten oder länger; vor wenigen Jahrzehnten war das schneller, billiger, selbstverständlicher. Menschen suchen Wohnungen, die sie sich leisten können, und finden sie nicht.
Beide Krisen treffen denselben Sektor. Beide haben mit derselben Wand zu tun, an der Sie gerade sitzen. Und es gibt — das ist die These dieses Kapitels — eine Antwort, die auf beide gleichzeitig wirkt: eine Wand, die anders gemacht ist, anders gebaut wird, anders bilanziert.
III. Was beim Beton wirklich passiert
Bevor wir die andere Wand ansehen, muss man verstehen, was die jetzige Wand an Schaden verursacht. Es ist nicht so, dass die CO₂-Emissionen erst entstehen, wenn das Haus irgendwann abgerissen wird. Sie entstehen schon, bevor die Wand steht.
Der Kernbestandteil normaler Hauswände ist Zement, der mit Sand und Wasser zu Beton wird. Zement wird gemacht, indem Kalkstein bei rund 1450 Grad Celsius gebrannt wird. Bei dieser Hitze passieren zwei Dinge gleichzeitig. Erstens: Es wird sehr viel fossiler Brennstoff verbrannt, um die Temperatur zu erreichen — Kohle, Gas, Öl. Das verbrennt zu CO₂ und entweicht in die Atmosphäre. Zweitens: Der Kalkstein selbst gibt während des Brennens CO₂ ab. Das ist eine chemische Reaktion, kein Energieaufwand — Kalkstein ist eine Verbindung aus Kalk und CO₂, und das Brennen löst das CO₂ heraus. Es entweicht direkt aus dem Stein in die Luft.
Diese zwei Mechanismen zusammen machen die Zement-Industrie zur Quelle von rund 8 Prozent aller globalen CO₂-Emissionen. Allein. Weltweit verursacht Zement mehr Klimaschaden als alle Flüge dieser Welt zusammen.
Das ist die Hypothek, die in Ihrer Wand steckt: Pro Kubikmeter Portland-Beton wurden bei seiner Herstellung etwa 250 Kilogramm CO₂ in die Atmosphäre freigesetzt. Sofort, nicht erst irgendwann. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus enthält 50 bis 100 Kubikmeter Beton im Tragwerk, in den Decken, in den Wänden. Das sind 12 bis 25 Tonnen CO₂ — schon vor dem Einzug.
Plus der Stahl im Beton. Plus die Dämmung aus Erdöl-Schaum. Plus die Fenster, die Türen, die Leitungen. Eine moderne Wohnung trägt eine CO₂-Schuld, lange bevor jemand darin lebt.
IV. Eine Wand, die das Klima kühlt
Jetzt ersetzen Sie in Ihrer Vorstellung den Beton durch einen anderen Stoff. Er heißt Hempcrete — zu Deutsch Hanfbeton, ein Wort das ein wenig irreführt, denn es ist kein Beton im klassischen Sinn. Es ist eine Mischung aus den holzigen Resten der Hanfpflanze (Schäben) und einem Bindemittel auf Kalkbasis, mit Wasser angerührt und in Formen gegossen, wo es erhärtet.
Was diese Wand anders macht:
Beim Wachsen hat die Hanfpflanze CO₂ aus der Atmosphäre gezogen und in ihren Fasern eingebaut. Wenn diese Fasern in der Wand verbaut sind, bleibt das CO₂ darin gespeichert — solange die Wand steht. Bei einem Kubikmeter Hempcrete macht das eine CO₂-Bilanz von rund minus 130 Kilogramm aus. Negativ. Die Wand hat im Lauf ihres Lebens mehr CO₂ aufgenommen als ihre Herstellung freigesetzt hat.
Der Unterschied zum Portland-Beton ist nicht graduell, er ist eine Umkehr: 250 Kilogramm CO₂ in die Atmosphäre pro Kubikmeter Beton, gegenüber 130 Kilogramm aus der Atmosphäre pro Kubikmeter Hempcrete. Die Differenz beträgt 380 Kilogramm pro Kubikmeter Wand. Bei einem Haus mit 80 Kubikmeter Wandvolumen sind das rund 30 Tonnen Klimaunterschied — entlang einer einzigen Materialentscheidung.
Und es bleibt nicht beim Klima. Hempcrete dämmt rund 24-mal besser als Beton, ist sieben Mal leichter, reguliert Feuchtigkeit so gut, dass Schimmel kaum eine Chance hat, atmet wie Holz, ist schwer entflammbar. Eine Hempcrete-Wand braucht keine zusätzliche Styropor-Dämmung, weil das Material selbst dämmt. Sie hält das Haus im Winter warm und im Sommer kühl, ohne die Klimaanlage, ohne die Folie auf der Außenfassade, ohne die Schimmel-Sorge im Bad.
Wenn die Wand am Ende des Hauslebens — sagen wir, nach hundert Jahren — abgebrochen wird, lässt sich das Hempcrete kompostieren. Oder es geht zurück ins Material-System, wird neu vermahlen, in einer neuen Wand verbaut. Die Wand verlässt den Kreislauf nicht.
V. Häuser, gebaut wie LEGO
Bis hierher haben wir die Wand beschrieben, als würde sie wie eine herkömmliche Wand gebaut — Schicht für Schicht, Tag für Tag, auf der Baustelle gegossen. Aber das ist nicht der Punkt, an dem das Thema sich gerade öffnet. Der Punkt ist die andere Bauweise.
Im Material-Kapitel ging es um den LEGO-Stein als kleinste Einheit von Material. Dieselbe Logik gibt es im großen Maßstab. Eine Hempcrete-Wand muss nicht auf der Baustelle gegossen und getrocknet werden — das dauert Wochen pro Etage. Sie kann auch in einer Fabrik in Form gebracht werden, als großer vorgefertigter Block. Ein Block, der nichts anderes ist als ein riesiger LEGO-Stein: standardisierte Maße, Verbindungspunkte, präzise gefertigt, in jedem Detail überprüft.
Solche Blöcke werden in der Fabrik produziert, witterungsunabhängig, unter klar definierten Qualitätsbedingungen. Sie werden mit dem Lkw auf die Baustelle gefahren und dort innerhalb von wenigen Tagen zusammengesteckt. Eine ganze Etage in einem Tag. Ein ganzes Wohnhaus in vier Wochen statt 18 Monaten.
Das ist modulares Bauen — kein neuer Begriff, in der Industrie seit Jahrzehnten geläufig, aber in der Wohnungspolitik erst in den letzten Jahren wieder ernsthaft diskutiert. Und es ist die natürliche Verlängerung der LEGO-Logik: ein Material, das in standardisierten Formen vorgefertigt wird; eine Bauweise, die zusammensteckt statt aufeinanderzugießen; ein Haus, das später auch wieder zerlegt und woanders aufgebaut werden kann.
Was passiert, wenn man Hempcrete und Modulbauweise kombiniert?
- Die Bauzeit sinkt drastisch — von etwa 18 Monaten auf wenige Wochen für ein Standard-Wohnhaus. Das bedeutet: Mehr Wohnungen pro Jahr aus demselben Sektor heraus.
- Die Kosten sinken — nicht für den Einzelfall, aber für die Standard-Bauten. Die Industrialisierung des Bauens, die in anderen Branchen seit hundert Jahren stattfindet, holt im Bau erst jetzt nach. Mehr Volumen, weniger Pro-Stück-Kosten.
- Die Qualität steigt — weil die Wand nicht mehr bei Regen auf der Baustelle gemischt wird, sondern in einer Halle, mit Mess-Sensoren, Toleranzen im Millimeterbereich.
- Die Klimabilanz dreht sich um — von 12 bis 25 Tonnen CO₂-Schuld pro Wohnung zu einer CO₂-Speicherung in zweistelliger Tonnenhöhe pro Wohnung.
Beide Krisen — Klima und Wohnungsmarkt — bekommen dieselbe Antwort. Es ist nicht die einzige Antwort. Es ist nicht für jedes Gebäude eine Antwort (Hochhäuser über acht Stockwerke brauchen weiterhin Stahltragwerk). Aber für den Großteil dessen, was in Deutschland und Europa neu gebaut werden müsste, wäre es eine.
VI. Was zusammen daraus wird
In einer Welt, in der Domain J umgesetzt wäre, sähe Ihre Wand anders aus.
Sie wäre aus Hempcrete-Blöcken zusammengesetzt, die in einer Fabrik in derselben Region gefertigt wurden, aus Hanf, der zwei Bundesländer weiter auf einem Acker wuchs. Sie würde nicht 12 Tonnen CO₂ in die Atmosphäre gebracht haben, sondern 8 Tonnen in sich speichern — für die hundert Jahre, die das Haus stehen soll. Sie wäre in einer Bauzeit hochgekommen, die früher für eine einzige Etage gebraucht wurde. Sie würde im Winter wärmer und im Sommer kühler sein, ohne dass jemand die Heizung höher dreht oder eine Klimaanlage anschaltet. Und am Ende, in hundert Jahren, ließe sie sich zurück in den Boden geben oder zur nächsten Wand vermahlen.
Multiplizieren Sie diese eine Wand mit der Anzahl der Wohnungen, die in Deutschland jährlich neu gebaut werden müssten, um die Wohnungslücke zu schließen — die Zielmarke liegt seit Jahren bei 400.000 pro Jahr. Multiplizieren Sie es mit dem Bestand der Häuser, die im Lauf der nächsten Jahrzehnte saniert werden müssen, um die EU-Gebäuderichtlinie zu erfüllen.
Es ist nicht erforderlich, dass diese eine Wand die Welt rettet. Es ist erforderlich, dass die Wand zum Standard wird. Dass es selbstverständlich wird, einen Block aus Hanfschäben statt einen aus Erdöl-Schaum zu verbauen. Dass die Lieferketten stehen, die Fabriken arbeiten, die Normen gelten, die Baufirmen es können.
All das ist nicht weit weg. Erste Pilotprojekte laufen seit Jahren in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden — auch in Deutschland gibt es einzelne Bauten. Eine erste DIN-Norm für Hempcrete ist im Provolution-Pfad für 2028 angepeilt. Sobald die Norm da ist, ist die Hürde für die Bauindustrie kein technisches Problem mehr, sondern ein wirtschaftliches — also lösbar.
VII. Der letzte Blick auf die Wand
Drehen Sie sich noch einmal um. Schauen Sie die Wand an, an der Sie sitzen.
Aktuell trägt sie eine CO₂-Schuld, die schon entstand, bevor das Haus gebaut wurde. Sie wurde langsam und teuer hochgezogen. Sie wird hundert Jahre stehen, dann zertrümmert und auf einer Deponie enden, und ihre Bestandteile werden für die nächste Wand nicht mehr verwendbar sein.
In der Welt von Domain J wäre dieselbe Wand:
- ein CO₂-Speicher von mehreren Tonnen, gehalten so lange wie das Haus steht;
- in wenigen Wochen zusammengesteckt aus vorgefertigten Pflanzen-Blöcken;
- zu einem Bruchteil der heutigen Kosten errichtet, in Stückzahlen, die die Wohnungslücke schließen helfen;
- am Lebensende nicht Müll, sondern wieder Material — für die nächste Wand der nächsten Generation.
Das alles in einer Wand, die fast genauso aussieht wie die, an der Sie gerade sitzen. Vielleicht etwas matter im Putz, vielleicht ein leichter Pflanzenduft im Neuzustand. Mehr nicht.
Ein Sektor, der das Klima zerstört und gleichzeitig keine bezahlbaren Wohnungen liefert, wird zu einem Sektor, der Kohlenstoff aus der Luft holt und sie gleichzeitig in bezahlbaren Wohnungen sicher einschließt. Zwei Krisen, eine Industrie, eine andere Wand.